Ein feste Burg ist unser Gott (EG 362)

Lieder verbinden uns auch mit Glaubenden aus früherer Zeit. Das gilt für „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag„, das uns in Bonhoeffers Gefängniszelle führt, genauso wie für Paul Gerhardts glaubensfrohe Lieder aus den Notzeiten des Dreißigjährigen Krieges wie für den alten Osterruf „Christ ist erstanden!“

Mit ein „Ein feste Burg“ hat man lange Zeit seine Erfahrung auf der Wartburg in Verbindung gebracht, wo er unter der Todesdrohung der Reichsacht das Neue Testament übersetzte.

Der Teufel spielt in dem Lied eine für uns Heutige zu wichtige Rolle. Zu sehr denken wir daran, dass man das Fremde, bedrohlich Erscheinende nicht künstlich verteufeln sollte. Und doch ist evangelische Freiheit aus dem Bewusstsein erwachsen, dass weltliche Macht letztlich nicht von Gott zu trennen vermag.

„Dem Teufel ich gefangen lag“ heißt es in Luthers anderem Lied, das die Reformation thematisiert, und meint damit die Gottesferne des Sünders, der den Glauben verloren hat. Doch zunächst einmal der vollständige Text:

Ein’ feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alt’ böse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint,
Gross’ Macht und viel List
Sein’ grausam’ Ruestung ist,
Auf Erd’ ist nicht seingleichen.

Mit unsrer Macht is nichts getan,
Wir sind gar bald verloren;
Es steit’t für uns der rechte Mann,
Den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heisst Jesu Christ,
Der Herr Zebaoth,
Und ist kein andrer Gott,
Das Feld muss er behalten.

Und wenn die Welt voll Teufel wär’
Und wollt’ uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
Wie sau’r er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht’t,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das Wort sie sollen lassen stahn
Und kein’n Dank dazu haben;
Er ist bei uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr’, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben’s kein’n Gewinn,
Das Reich muss uns doch bleiben.

Es sind kriegerische Bilder, und kämpferisch war es Luther gewiss zumute, als er das für den einzelnen Christen durch die Bibelübersetzung erschlossene Gotteswort als Mitstreiter zur Bewahrung des Reiches Gottes „ins Feld“ führt.

Ungewöhnlich viele einsilbige Wörter und männliche Reime bestimmen den Klang, der zu der wuchtigen Medlodie so gut passt. Das Schriftbild ist geprägt von vielen Auslassungszeichen, wo Luther Nebensilben hat ‚dahin fahren lassen‘, um zu betonen, dass wir uns nicht fürchten.

Dass ein Zusammenstehen in einer Burg immer die Gefahr eines sich Einmauerns (z.B. in einer Festung Europa oder in der  Apartheid) und des Schaffens von Feindbildern in sich birgt sehen wir heute sehr kritisch.   Aber es spricht laut neuerer Forschung viel dafür, dass Luthers Lied, das noch zu seinen Lebzeiten seinen Platz in der Liturgie des Sonntags Invokavit fand, aus einer Erfahrung der Krankheit und Anfechtung Luthers entstand. Klaus von Mehring bezeichnet es deshalb als „Luthers Passionslied“ (in: „Vom Aufgang der Sonne“, S.150).  Und wenn man die Bibelworte betrachtet, auf die Luthers Lied Bezug nimmt, so merkt man, dass er weniger an eine Vernichtung der Feinde gedacht hat, wie sie in manchen Psalmen anklingt, sondern vor allem an Gottes Schutz:

„Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.“ (Psalm 46,8)
„Gott ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.“ (Psalm 62,7)
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12,21)
Aus dem letzten Wort spricht der Geist der Gewaltlosigkeit, wie er mit der Losung des „keine Gewalt!“ für die DDR-Revolution prägend werden sollte und sich schon 1980 in dem Lied Gib Frieden, Herr, gib Frieden (EG 430) in der Friedensbewegung aussprach.

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