Vaterunser

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute. 

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen.

Da so viele Kirchenlieder hier stehen, habe ich mich entschlossen, auch das Vaterunser, den m.E. wichtigsten christlichen Text, hier anzuführen, auch wenn ihn hier niemand suchen wird. Neben den wichtigen Informationen aus der Wikipedia möchte ich etwas über die ersten drei Bitten sagen.

Geheiligt werde dein Name, Dein Reich komme und Dein Wille geschehe bedeuten nach meinem Verständnis im wesentlichen das Gleiche. Passivische Formulierungen stehen (nach Ansicht vieler Theologen) in der Bibel für das Handeln Gottes. Die erste Bitte geht also an Gott, dass er die Welt so einrichten möge, dass es ihm zur Ehre gereicht. Das ist doch wohl ziemlich dasselbe wie dies, dass seine Herrschaft sich überall durchsetze (wobei unter Gottesherrschaft zumeist das Herrschen von Friede und Gerechtigkeit verstanden wird). Und was bedeutet Herrschaft anderes als das, dass der Wille des Herrschers durchgesetzt wird?

Weshalb die dreimalige Bitte um das Gleiche und noch dazu um etwas, was doch ohnehin im Interesse Gottes liegen sollte?

Es geht darum, dass der Bittende sich einübt in die Erkenntnis, dass das Beste für ihn ist, wenn der Wille Gottes geschieht: Friede und Gerechtigkeit und nicht mein Wille: Durchsetzung meiner Wünsche gegen die Interessen anderer und Vorzugsbehandlung für mich statt einer Ordnung, die für alle richtig ist. Dazu gehört dann auch, dass er sein Handeln an dieser Erkenntnis ausrichtet, das heißt, dass er nach Kräften dazu beiträgt, dass der Wille Gottes geschieht.

Mörike hat diesen Gedanken in seinem Gedicht „Herr, schicke, was du willt“ ausgeführt, zu dem ich meine Interpretation hier zu geben versucht habe.

Gastbeitrag:

Vorstellung des Vaterunser anlässlich einer Begegnung von Christen und Muslimen 

Das Vaterunser steht in der Bibel im Neuen Testament an zwei ganz zentralen Stellen:

bei Matthäus in der Bergpredigt und bei Lukas in der entsprechenden Feldrede.

In beiden Evangelien wird es als von Jesus gegeben eingeführt. Bei Matthäus heißt das so:

Wenn ihr aber betet, sollt ihr kein unnützes Geschwätz machen wie die Heiden, denn sie meinen; dass sie um ihrer vielen Worte willen Erhörung finden werden. Seid ihnen nun nicht gleich; denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, ehe ihr ihn bittet. Ihr sollt nun so beten:

Und dann kommt der Text.

Die Anrede „Vater“ an Gott gerichtet erscheinen den Muslimen unter Ihnen vielleicht als anmaßend, jedenfalls als unangemessen, auch bei uns macht sie manchen Schwierigkeiten, weil sie mit ihrem Vater keine guten Erfahrungen verbinden.

Jesus kannte als Jude Gebete, in denen Gott mit „unser Vater“ angeredet wird, er hat auf Aramäisch wohl „Abba“ gesagt, was fast wie „Papa“ klingt. Aber nicht nur aus diesem

Wort, aus seinem ganzen Verhalten spricht sein grenzenloses Vertrauen zu Gott.

Deshalb lassen wir uns mit dieser Anrede gerne in sein Vertrauensverhältnis zu Gott hineinnehmen. Dass wir „unser“ sagen stellt uns in die große Gemeinschaft aller Christen.

Die 1. BitteGeheiligt werde dein Name.

Allah hat 99 Namen, der Gott der Juden eigentlich nur einen: JAHWE, der aus Ehrfurcht nur als ADONAI; d.h. „Herr“ ausgesprochen wird.

JAHWE ist eine Form des Verbs „sein“ und lässt sich z.B. übersetzen mit „Ich bin, der ich sein werde“ > Ewiger – oder mit „Ich bin für dich da“ > Helfer, Retter, Erlöser.

(Die Passivform drückt aus, dass Gott selbst handelt.)

Die Bitte drückt die Sehnsucht danach aus, dass Gott alles Leid und allen Streit beendet, indem er sich endgültig und sichtbar als der Ewige und Retter erweist, und hängt zusammen mit der 2. Bitte.

Die 2. Bitte: Dein Reich komme.

An das „Gottesreich“ knüpften sich schon im Volk Israel große Erwartungen: Aus der Hoffnung, dass das zerstörte Königreich unter einem neuen und besseren König herrlicher wieder aufgerichtet würde, wurde die Hoffnung auf ein Reich, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen und Krankheit und Tod überwunden sind.

Ein Bild dafür ist die Aufhebung der Feindschaft zwischen Raubtieren und ihrer Beute:

Wolf und Lamm werden einträchtig weiden und der Löwe wird Gras fressen wie das Rind.“

Ein anderes das Umschmieden von Schwertern zu Pflugscharen, d.h. aus Kriegern werden friedliche Bauern.

Es gibt ein Märchen „Vom unsichtbaren Königreich“, darin bekommt der Traumjörge ein Tuch geschenkt, das – wenn er es entfaltet – zu einem wunderbaren Königreich wird, in dem

er mit seiner Prinzessin spazieren gehen kann.

So ist es hier nicht gemeint.

Das griechische Wort für „Gottesreich“ bedeutet Königsherrschaft GottesD.h. es geht nicht um ein Gebiet, sondern um einen Herrschaftsbereich. Und wo herrscht Gott? Doch da, wo sein Wille geschieht.

So hängen die 2. und 3. Bitte zusammen und deshalb wohl hat Lukas die 3. Bitte ausgelassen.

Jesus hat seinen Auftrag vor allem darin gesehen, zunächst seine Jünger und durch sie schließlich alle Menschen auf diese neue Welt und ihre Regeln vorzubereiten.

Dazu erzählt er seine Gleichnisse vom Gottesreich oder Himmelreich, darum geht es in der Bergpredigt mit den Seligpreisungen und darum geht es auch im Vaterunser.

Die 3. BitteDein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Vor allem aber hat Jesus uns vorgelebt, wie dieses neue bessere Leben aussehen könnte.

Auch da, wo er es sich anders gewünscht hätte im Garten Gethsemane, seine Festnahme, die Verurteilung und schließlich das Kreuz vor Augen hat er gebetet:

Abba, Vater, alles ist dir möglich; lass diesen Kelch vorübergehen. Doch nicht was ich will, sondern was du willst.“

Deshalb wohl war für Matthäus diese ausdrückliche 3. Bitte wichtig, sie verdeutlicht:

Bei dir im Himmel bist du schon unumschränkter Herrscher. Hilf uns doch, dass das auch bei uns so wird.

Die 4. Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute.

Den Sinn dieser Bitte gibt man wohl am besten wieder mit: Gib uns, was wir zum Leben brauchen. Wirklich nur das, was wir brauchen, nicht alles, was wir brauchen könnten.

Diese und die 2. Bitte geben mir am meisten Anlass nachzudenken:

Nehmen wir uns nicht schon lange viel zu viel von dem, was für alle reichen könnte, wenn wir nicht so gierig oder gedankenlos wären?

Muss unsere Wirtschaft noch wachsen, wenn schon jetzt die Ressourcen der Welt knapp werden?

Die 5. Bitte: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Schuld bindet beide, den, der Unrecht getan hat, und den, dem er es zugefügt hat.

Ein Schatten, der ihre Beziehung stört oder sogar zerstört und manchmal das ganze Leben verdunkelt.

Gott schenkt uns jeden Tag neu die Freiheit der Vergebung, wenn wir ihn ernsthaft darum bitten. Auch wenn wir nicht vergessen können, was uns angetan wurde, können wir doch um die Kraft bitten, einen neuen Anfang zu machen.

Die 6. BitteUnd führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Diese Bitte erscheint rätselhaft: Der Teufel ist doch der ewige Versucher, nicht Gott.

Im Kommentar finde ich dazu: Gott kann die Versuchung zulassen – wie bei Hiob –, aber es ist immer „der Böse“, der darin begegnet.

Bei Hiob war es die Versuchung, sich von Gott loszusagen. Es kann aber auch eine Versuchung zum frommen Heldentum geben, z.B. ein sich Aufopfern oder sich Drängen zum Martyrium, ohne dass es notwendig gewesen wäre und wirklich hilft.

Wie erkennt man, ob es Gottes Wille ist oder fromme Großmannssucht? Vielleicht, indem man sich vor Gott der Frage ehrlich stellt.

Der Lobpreis am Schluss des Vaterunsers steht nicht im Neuen Testament, er bezieht sich mit Formulierungen aus dem Alten Testament besonders auf die ersten 3 Bitten und wurde früher in vielen Gemeinden gesungen. 

Was hilft uns das Vaterunser, wenn es unsere Wünsche nicht aufnimmt?

Ich habe verschiedene Bekannte gefragt, ob ihnen das Vaterunser wichtig ist und wenn ja, warum. Alle fanden es sehr wichtig. Hier die Begründungen:

  1. Es enthält die wichtigsten Inhalte des Christentums: Vertrauen zu Gott, Warten auf das Gottesreich, sich Ausrichten am Willen Gottes, Gemeinschaft (unser, wir), Vergebung.
  1. Besonders schön: das gemeinsame Sprechen in der Gemeinde.

Inhaltlich: Das kann man alles so annehmen, da ist nichts, was man nur als historisch Gewordenes mitsagen kann wie beim Glaubensbekenntnis.

  1. Das Vaterunser ist wie ein Zuhause, es ist so vertraut, weil man es von klein auf gewohnt ist. – Es enthält keine Widersprüche.
  1. Das Angebot der Nähe zu Gott, die Erinnerung daran, was wirklich wichtig ist und die Gemeinschaft, wenn man es gemeinsam betet.
  1. Man kann es auch noch beten, wenn man selbst keine Worte hat.

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Das Vaterunser ist ein sehr wichtiges Gebet, aber nicht das einzige.

 Wir dürfen Gott alle unsere Wünsche, Sorgen, Ängste und Hoffnungen sagen, auch wenn er das alles schon weiß.

Uns tut es gut, wenn wir sie vor ihm ausbreiten können.

Aber das Vaterunser kann uns helfen, durch all unsere verschiedenen Sehnsüchte,

Ängste und Hoffnungen hindurch immer wieder

zu der einen Bitte zu kommen:

Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.

G.D.

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