Von guten Mächten treu und still umgeben (EG 65)

Dietrich Bonhoeffer hat dieses Gedicht aus der Gefängniszelle als Teil eines Briefes zum Jahreswechsel 1944/45 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer geschickt. Es war auch an seine Familie gerichtet, daher spricht er sie alle im Plural an.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Zunächst will er sie über seinen Zustand trösten. Er fühle sich nicht verlassen, sondern von seinen Lieben umgeben und getröstet. Doch dann spricht er davon, dass sie ja alle unter „bösen Tagen“ leiden. Wenn der Brief abgefangen wurde, ließ sich das als Hinweis auf den Krieg erklären. Gemeint ist gewiss das nationalsozialistische Terrorregime. Seit Oktober 1944 befand er sich nicht mehr im Militärgefängnis in Tegel, sondern im Gestapokeller unter dem Reichssicherheitshauptamt.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Mit der dritten Zeile dieser zweiten Strophe wendet sich Bonhoeffer nach dem Trost, den er den ihn Liebenden geben wollte, direkt im Gebet an Gott. Mit dem ’schweren, bittern Kelch des Leids‘ spricht er die Passion Jesu (Matthäus 26, 42) an und damit seine Hinrichtung, mit der er rechnen muss. Durch das ‚uns‘ erklärt er dieses Leid aber zu einer gemeinsamen Erfahrung, die ihn nicht von seinen Geliebten und schon gar nicht von der Liebe Gottes trennen kann.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Danach spricht er die Hoffnung an, dass sie sich noch einmal an der Welt freuen können. (Dabei wird nicht gesagt, dass das nur gemeinsam geschehen könne.)

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Das Bild der Kerzen spricht nicht nur die weihnachtlichen Tage an, sondern besonders den Advent, die Erwartung auf die Verheißung Gottes. Das Zusammenkommen aber wird ausdrücklich unter den Vorbehalt des „Wenn-es-sein-kann“ gestellt.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Das weihnachtliche Familienfest soll nicht von der Trauer über die Trennung und der Sorge um seinen vermutlich bevorstehenden Tod getrübt werden. Vielmehr wünscht er sich, dass sie das Lob Gottes wahrnehmen, auch wenn er nicht verlangt, dass sie in dieser Situation Gott loben. Damit schließt das Gebet.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
      (EG 65)

In der letzten Strophe sieht er das Gebet als von Gott erhört an und sieht sie alle als von Gott getröstet. Das, was er in der ersten Strophe über sich gesagt hat, das sieht er jetzt für sie alle als erfüllt.

Diese Strophe war es auch, die dem an sich privaten Gedicht den Weg in die Gesangbücher geöffnet hat. Das, was Bonhoeffer für seine Familie erbeten hat, erscheint jetzt als Zuspruch an die Gemeinde.

4-stimmiger Satz (Otto Abel, 1959, EG 65)

Gemeindegesang (EG 65)

Einzelgesang (Melodie Siegfried Fietz 1970, in mehreren Regionalteilen des Evangelischen Gesangbuchs: BT637, West652, Wü541)

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