Es ist ein Ros entsprungen (EG 30)

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt,
hat uns gebracht alleine
Marie die reine Magd.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
wohl zu der halben Nacht.

Das Blümelein so kleine,
das duftet uns so süß,
mit seinem hellen Scheine
vertreibt’s die Finsternis:
Wahr‘ Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allem Leide,
rettet von Sünd und Tod.

(evangelische Version 1609)

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
aus Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

Das Röslein, das ich meine,
davon Jesaia sagt,
ist Maria die reine,
die uns das Blümlein bracht.
Aus Gottes ewgem Rat
hat sie ein Kind geboren
und blieb ein reine Magd.

(Strophen 1 und 2 der 23 Strophen der katholischen Version von 1599)

Das Rätsel, wer die Rose aus der Wurzel Jesse ist (vgl. Jesaja 11,1-2), wird in den beiden Versionen der Konfessionen unterschiedlich aufgelöst. Die Protestanten wollten Maria nicht so sehr im Zentrum sehen.
Der vierstimmige Satz von Michael Praetorius strahlt so viel Ruhe und Feierlichkeit aus, dass er in beiden Konfessionen der meistgesungene geworden ist.

Eine ausführliche Erläuterung mit einer Reihe verschiedener Versionen findet sich im Liederlexikon.de

Hier soll aber noch auf den biblisch-theologischen Zusammenhang des Textes eingegangen werden.

Der Ausdruck Wurzel Jesse deutet auf Isai, den Vater des Königs David, hin, der nach der biblischen Überlieferung ein Vorfahr Jesu  war. Bei Jesaja wird vorausgedeutet, dass der königliche Stamm, obwohl die Dynastie der Könige aus dem Haus David längst beseitigt ist, ein neues Reis (Trieb) hervorbringen werde. Die katholische Version bezieht Reis (lateinisch: virga) auf die Jungfrau (virgo) Maria, die evangelische auf Jesus.

Ausführlicher dazu das Geistliche Wunderhorn. , S.139:

Die biblische Grundlage bietet Jesaja (11,1-2): «Doch aus dem Baum­stumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. Der Geist des Herrn läßt sich nieder auf ihm: Der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.» Jesaja spricht vom kommenden Exil: «Der Herr wird die Menschen weit weg treiben; dann ist das Land leer und verlassen. Bleibt darin noch ein Zehntel übrig – auch sie werden schließlich vernichtet, wie bei einer Eiche oder Terebinthe, von der nur der Stumpf bleibt, wenn man sie fällt» (Jes 6, 12-13). Die nachexilische Fortsetzung: «Ihr Stumpf ist heiliger Same» (Jes 6,13) zeigt freilich, daß dies nicht Gottes letztes Wort ist. Zwar schlägt Gott mit schrecklicher Gewalt die Zweige ab und fällt die mächtigen Bäume (Jes 10,33), doch aus einem Stumpf wächst schließlich ein frisches Reis hervor. Obwohl die davidische Dynastie politisch so gut wie tot war, verspricht Gott ausgerechnet Isai – das ist Jesse, der Vater Davids -einen neuen Anfang. Seine Wurzel wird Frucht bringen. Und diese Frucht ist der Messias, der Sohn Davids (Lk 1,31-33), aus der Wurzel Jesse (Römer 15,12; vgl. Offenbarung 22,16).
In der christlichen Tradition wird aus der zweigliedrigen Aussage (Wur­zel-Reis) eine dreigliedrige (Wurzel-Reis-Blume). «Egredietur virga de radice lesse/et flos de radice eius ascendet», so übersetzt die Vulgata Jesaja 11,1. «Es wird hervorgehen ein Reis aus der Wurzel Jesse/ und eine Blume wird aus ihrer Wurzel aufgehen.» Aber wer ist das Reis und wer die Blume? Schon seit Tertullian haben die Kirchenväter, inspiriert durch die klangliche Nähe von «virga» (Reis) und «virgo» (Jungfrau), das Reis auf Maria bezogen. Zwischen den Ausdrücken «virga» (Reis) und «ßos» (Blume), die im ursprünglichen Text beide nur poetische Variationen in einem Parallelismus membrorum waren und der einen «radix» (Wurzel) zugeordnet sind, wurde nun ein Unter­schied gemacht: Aus der Wurzel wuchs jetzt das Reis, aus dem Reis die Blume. Maria ist das Reis, Jesus die Blume.

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