Es kommt ein Schiff geladen (EG 8)

1. Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein’ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

2. Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

3. Der Anker haft’ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Gott’s Wort tut uns Fleisch werden,
der Sohn ist uns gesandt.

4. Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

5. Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

6. danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
Ewigs Leben zu erben,
wie an ihm ist geschehn.

Die ersten drei Strophen des Liedes schildern die Ankunft des Wortes Gottes als die Ankunft seines Sohnes, der für uns Fleisch (Mensch) geworden ist, als Gegenwart. Der Anklang an den Anfang des Johannesevangeliums, insbesondere des Verses I,14 ist deutlich: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Im Unterschied zum Johannesevangelium schildert es den Vorgang freilich nicht als Vergangenheit, sondern als Gegenwart. Insofern ist es kein Adventslied, denn der Advent lebt ja von der Erwartung der zukünftigen Ankunft Christi. Streng genommen ist es ein Weihnachtslied. Doch die altertümliche, in den ersten beiden Zeilen leicht melancholische Melodie (in der dorischen Kirchentonart) lässt den Weihnachtsjubel vermissen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es allgemein unter die Adventslieder eingeordnet wird. Das Lied stammt vermutlich von Johannes Tauler. Als dessen Schriften auf den Index gesetzt wurden, geriet es in Vergessenheit.

Wer in dem Schiff nicht nur den Sohn Gottes, sondern seine Trägerin, die schwangere Maria, angesprochen sehen möchte, hat dafür einige Anhaltspunkte. Dass man deshalb sagen kann, dass Jonannes Tauler die Deutung jeder einzelnen Metapher im Sinne dieses Verständnisses beabsichtigt hat, scheint mir weniger sicher.

Daniel Sudermann überlieferte das Lied in der auf sechs Strophen erweiterten Fassung. In dieser Form ist es in der evangelischen Kirche gebräuchlich geworden, in der katholischen Kirche wird es unter Zusatz einer Marienstrophe überliefert:
Maria Gottes Mutter
gelobet musst du sein.
Jesus ist unser Bruder,
das liebe Kindelein

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Geschichte, Politik, Literatur
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