Ich singe dir mit Herz und Mund

Lieder von Paul Gerhardt haben es in sich. Wie haben wir doch als Jugendliche gelästert über „schöne Söhne/ Töchter züchtig,/ die fein tüchtig/ nähn und spinnen/ und mit Kunst die Zeit gewinnen“ (gesamter Text). Und immer diese vielen Strophen! Es nimmt kein Ende. – Und später entdeckt man, dass eine ganze Reihe von Liedern, die einem lieb geworden sind, von diesem wichtigsten protestantischen Kirchenliederdichter stammen. Und dann noch in welcher Not, nach welchen persönlichen Katastrophen er seine Lob- und Danklieder geschrieben hat.
Wie zum Beispiel dieses frische:

1. Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewußt.

2. Ich weiß, daß du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.

3. Was sind wir doch? Was haben wir
auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben werd?

4. Du nährest uns von Jahr zu Jahr,
bleibst immer fromm und treu
und stehst uns, wenn wir in Gefahr
geraten, treulich bei.

5. Du strafst uns Sünder mit Geduld
und schlägst nicht allzusehr;
ja, endlich nimmst du unsre Schuld
und wirfst sie in das Meer.

6. Du zählst, wie oft ein Christe wein
und was sein Kummer sei;
kein Zähr- und Tränlein ist so klein,
du hebst und legst es bei.

7. Du füllst des Lebens Mangel aus
mit dem, was ewig steht,
und führst uns in des Himmels Haus,
wenn uns die Erd entgeht.

8. Wohlauf, mein Herze, sing und spring
und habe guten Mut!
Dein Gott, der Ursprung aller Ding,
ist selbst und bleibt dein Gut.

9. Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil,
dein Glanz und Freudenlicht,
dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil,
schafft Rat und läßt dich nicht.

10. Was kränkst du dich in deinem Sinn
und grämst dich Tag und Nacht?
Nimm deine Sorg und wirf sie hin
auf den, der dich gemacht.

11. Hat er dich nicht von Jugend auf
versorget und ernährt?
Wie manchen schweren Unglückslauf
hat er zurückgekehrt?

12. Er hat noch niemals was versehn
in seinem Regiment;
Nein, was er tut und läßt geschehn,
das nimmt ein gutes End.

13. Ei nun, so laß ihn ferner tun
und red ihm nicht darein,
so wirst du hier in Frieden ruhn
und ewig fröhlich sein.                           EG 324

Freilich, hier hat schon die Texterneuerung eingegriffen, die es älteren Gemeindegliedern so schwer macht, Lieder auswändig zu singen, die sie seit Jahrzehnten beherrschen. Da singt man schon „seist“ und hört von den anderen „bist“, sieht schnell ins Buch und entdeckt, dass statt „fleußt“ jetzt „fließt“ zu singen ist.

Noch steht das „Zähr-“ neben dem „Tränlein“. Wie lange noch, bis auch dies den Gottesdienstbesuchern nicht mehr zugemutet werden kann?

Aber es muss nicht unbedingt der alte Wortlaut sein, wenn doch eine Gemeinsamkeit des Liedguts erhalten werden kann.

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Geschichte, Politik, Literatur
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